Christoph und ich haben uns noch eine zweite Show angesehen: Mystère by Cirque du Soleil im Treasure Island Hotel & Casino. Eine klassische Akrobatikshow, mit beeindruckenden Sprüngen, einer noch nie gesehenen Flexibilität und so feiner Ausführung, dass man sich ein “Wow” nicht verkneifen konnte. Leider war auch hier das Grundkonzept mit einem gigantischen Baby sehr schräg und fast schon verstörend. Anscheinend ziehen Christoph und ich merkwürdiges “Storytelling” magisch an. Die Show wäre wahrscheinlich noch beeindruckender gewesen, wenn wir sie von vorne gesehen hätten, aber wir hatten Sitzplätze an der Seite ganz vorne. So gesehen sind es gute Karten, aber für eine Show, deren Konzentration auf der Mitte der Bühne liegt, nicht ideal. Wie wir zu diesen Karten gekommen sind, ist eine andere Geschichte.
In fast allen Hotels und Casinos gibt es mindestens einen kleinen Stand mit Verkäufern, die jeden ansprechen, der dort herumläuft. “Hi, möchtet ihr einen kostenlosen Aufenthalt in einem Hotel in den Bergen?” – “Nein, danke.” – “Möchtet ihr kostenlose Eintrittskarten für eine Show hier in Las Vegas?” Da wurden wir hellhörig. Karten für eine Show starten im billigsten Segment 50-70€ pro Person und wir können zwei in der besseren Kategorie und sogar gratis bekommen? Bitte her damit. Was wir dafür tun müssen? Uns eine Verkaufsshow für 90 Minuten anhören, wobei wir Frühstück bekommen und wir überhaupt nichts kaufen müssen. Dieses verlockende Angebot bekommt man häufig, wenn sie “Timesharing” verkaufen wollen. Mit Timesharing ist eine Art Ferienimmobilie mit einem Modell des geteilten Eigentums gemeint. Bei einem typischen Timesharing teilt man sich die Kosten der Immobilie mit anderen Käufern und im Gegenzug erhält man eine garantierte Zeit pro Jahr in der Immobilie. Das Konzept ist in den USA weit verbreitet und kommt besonders gut bei Rentnern an. Ich hatte schon vorher so einiges von diesen Verkaufsveranstaltungen gehört und wollte schon immer mal eine besuchen. Zwei Fliegen mit einer Klappe also und so standen wir Sonntagmorgen mit hundert anderen Menschen auf der Matte.
Jede Familie, Paar oder Person bekam einen eigenen Verkäufer und nachdem man sich vorgestellt hatte, ging es zum Frühstück. Naja, wohl eher “Frühstück”, da es nur aus einem Pappbecher Kaffee, einer Mandarine und einem Joghurt bestand. Enttäuschender Anfang. Unser Verkäufer war ganz nett und erzählte viel, aber aufpassen, denn die 90 Minuten Verkaufszeit fängt erst nach dem Frühstück an. Er zeigte uns die Anlage und die Wohneinheiten und betonte immer wieder, dass Las Vegas als Immobilienstandort am wertvollsten sei (später haben wir gelernt, dass eine Strandimmobilie am wertvollsten ist – eh klar).
Und dann kam es zum eigentlichen Verkaufen. In einem Raum, in dem man sein Handy nicht mehr benutzen durfte (dubios), wurde einem ein Angebot gemacht, was nur jetzt und hier gültig war, sobald aus dem Raum tritt, gilt das Angebot nicht mehr (dubioser). Eigentlich klang das Angebot sehr gut, trotz des fünfstelligen Betrags, denn sie hatten Standorte weltweit, die Christoph und ich hätten nutzen können, und ich gebe zu, dass ich sehr in Versuchung war, aber zum Glück schob Christoph rechtzeitig einen Riegel davor. Mann, sind die Amerikaner und ihr Marketing gut. Als der Preis dann immer weiter und weiter sank, wurde das Angebot zu gut um wahr zu sein und ließ unser Misstrauen weiter wachsen. Als wir dann bestimmt Nein sagten, wurde unser Verkäufer plötzlich sehr desinteressiert und unhöflich. Dann wurden wir in einen zweiten Verkaufsraum geschickt, nur von einer anderen Filiale. Hier waren die Preise noch niedriger, sodass man das Gefühl hatte, man würde eher Spielzeug als Immobilien kaufen. Noch einmal mit Bestimmtheit abgelehnt, eine weitere halbe Stunde warten und endlich hatten wir unsere “kostenlosen” Tickets in der Hand. Statt angegeben 90 Minuten, waren wir 5 (!) Stunden dort.
Eine Frechheit, aber auch ein Abenteuer und auf jeden Fall ein erzählenswertes Erlebnis. Danach haben wir übrigens das Unternehmen gegoogelt und wurden in unserer Entscheidung bestätigt. Es ist zwar kein Betrug, aber alles ist sehr desorganisiert und läuft nicht so glatt ab, wie man sich das vorstellt. Aber man muss zugeben, dass die Amerikaner das Marketing nicht nur erfunden, sondern auch perfektioniert haben. Es war auf jeden Fall eine Erfahrung.